Ranghild Hildebrand, diese Schnalle aus Göttingen, in die ich so sehr verknallt war und die mich so übel versetzt / verletzt hat. Wir hatten uns auf der Fete kennengelernt von Thilos Chemikerfreunden. Ich kann genau daran erinnern wie sie da strickend saß. Ich habe mich gleich an sie gehalten damals und wir haben uns so gut miteinander unterhalten.
Thilos Chemikerfreund war schon ärgerlich, dass ich die ganze Zeit mit Ranghild sprach, weil sie ja eigentlich ihn besuchen gekommen war. Also: Weil wir uns so schön unterhalten hatten, haben wir uns für den nächsten Morgen ganz früh verabredet, um auf den Fischmarkt zu gehen oder irgend so was. Jedenfalls stand ich in aller Frühe vor unserem Haus in der Schützenstraße.
Es kostete mich unheimlich Mühe aufzustehen, weil ich ja auch so spät, beziehungsweise so früh am Morgen ins Bett gekommen war und weil ich nicht einschlafen konnte, weil es mit Ranghild so toll gewesen war. Also ich stand da in aller Herrgottsfrühe vor der Tür und wer nicht kam war Ranghild.
Ich glaube, dass ich eine Stunde oder sogar noch länger vor der Tür gestanden habe und unheimlich enttäuscht war, dass sie nicht kam. Ich weiß nicht, warum wir uns eigentlich vor der Tür verabredet hatten und nicht drinnen in der Wohnung. Wahrscheinlich sollte sie nicht klingeln, weil dann die anderen aus meiner WG aufgewacht wären.
Ich stand mir die Beine in den Bauch und konnte mir nicht vorstellen, dass sie mich einfach vergessen hätte, wo wir uns doch so toll unterhalten hatten und ich doch eigentlich eine ziemlich hohe Meinung von mir hatte, dergestalt, dass ich dachte, dass Ranghild die Unterhaltung bestimmt auch so genossen hatte wie ich. Aber sie kam nicht. Also musste ihr auf dem Weg zu mir etwas passiert sein.
Ich rief dann bei Thilos Chemikerfreunden an, wo sie übernachtete, denn wie gesagt, den einen besuchte sie ja und der war wohl auch ziemlich in sie verknallt.
Wo ich es mir überlege, wo ich mich recht besinne kommt mir der Gedanke, dass während unserer Unterhaltung von ihrer Seite der Satz gefallen ist: "Ich hätt´ schon Lust, mit dir zu schlafen". Nachdem ich ihr nämlich erzählt hatte, dass die Frauen alle nur mit mir Gespräche führen wollten und keinen Sex. "Och, ich hätt´ schon Lust, mit dir zu schlafen."
Hey! Da gingen natürlich bei mir alle Lampen an. Ist mein Bett eigentlich frisch bezogen? Was trage ich für Unterwäsche? Aber ich habe sie tapfer zu mir nach Haus eingeladen, weil ich auch Lust hatte, mit ihr zu schlafen. Klar. Die Sache wollte ich nach Hause schaukeln. Ich war wohl so ungefähr wie ein Hund, der die frische Fährte eines Hasen aufgenommen hat. So aufgeregt. Sollte sie das bemerkt haben?
Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass Ranghild von da an am Zurückrudern war, von wegen, dass sie ja diesen einen Typen besuchen würde, und ich glaube, dass sie mit ihm auch mal zusammen war, denn sie erzählte mir, dass er, wenn er aufgeregt wäre immer so aus dem Mund stinken würde, weil er es am Magen hätte. So was kriegt man doch nur mit, wenn man zusammen ist, oder nicht?
Überhaupt war das ein sehr ungesunder Typ. Ein typischer Magenkranker, dick dazu und natürlich Raucher, wie so viele Chemiker. Ich glaube, nach Herzinfarkt sah er auch aus. Also: ein Wrack. Seinetwegen wollte Ranghild nicht mit zu mir kommen. Ich dachte, nee, wenn das doch die große Liebe jetzt hier ist, dann darf das doch keine Rolle spielen. Aber spielte es.
Ranghild kam nicht. Schließlich dachte ich, ihr sei etwas passiert. Vielleicht hatte ich auch gehofft, dass wir gar nicht auf den Fischmarkt oder sonst irgendwo hingehen, sondern gleich zu mir nach oben ins Bett. Bestimmt hatte ich die Gelegenheit genutzt, das Bett frisch zu beziehen und frische heile Unterwäsche anzuziehen, wäre also alles topp gewesen. Wahrscheinlich hatte ich sogar mein Zimmer aufgeräumt, alles nach der Fete noch nachdem ich morgens nach Haus gekommen war.
Schließlich habe ich bei Thilos Chemikerfreunden angerufen. Ich hatte nun zwar eine Stunde auf der Strasse auf sie gewartet, aber es war immer noch unheimlich früh, und ich wusste eigentlich schon, dass das eigentlich nicht so gut war, bei denen anzurufen, die da zu zweit wohnten, die beiden Chemikerfreunde von Thilo, von denen einer quasi mein Rivale war. Wahrscheinlich schlief Ranghild sogar bei dem im Zimmer, vielleicht sogar in seinem Bett? Aber ich musste einfach anrufen, ich war zu enttäuscht.
Wenigstens hatte ich nicht meinen Rivalen am Telefon. Ich meine, der war ja auch so krank, da würde er wohl kaum zu haarsträubend früher Morgenstunde ans Telefon gehen können. Also hatte ich den anderen dran, der war dünner und hatte einen Vollbart, so ein süddeutscher Typ, dunkel und hager. Ein Chemiker eben.
"Hallo, guten Morgen, entschuldige, dass ich so früh anrufe, kann ich mal Ranghild sprechen." Er hatte eine total verpoofte Stimme, sagte aber ja. Und das überraschte mich. Sie war also noch nicht aufgebrochen, obwohl ich seit einer Stunde, über einer Stunde mit ihr verabredet war. Ihre Stimme klang auch total verschlafen. Ach das täte ihr ja leid, irgend eine komische Entschuldigung kam und sie ist dann wieder ins Bett gegangen. Noch nicht mal da hat sie sich aufgemacht zu mir. Sie war halt total müde.
"Ich hätt´ schon Lust, mit dir zu schlafen." Daraus wurde nichts. Aber ich bin dann wieder ins Bett gegangen, weil ich auch sehr müde war. Aber fest entschlossen, um Ranghild zu kämpfen.