1965, 18 Jahre nach dem Vorfall im Luftschutzkeller geht der kleine Stephan Bendrath mit seiner Mama zum Schlachter. Das Geschäft liegt am Kanal. Stephan und Mama gehen auf der linken Straßenseite. Rechts fahren die Autos, aber es sind nicht viele.

Auf der anderen Straßenseite ist der Kanal. Dort bemerkt Stephan einen großen Kahn, wie er ihn noch nie gesehen hat. Den will er aus der Nähe betrachten. Er reißt sich von der Hand seiner Mutter los und will über die Straße ans Wasser laufen, da quietschen direkt neben ihm ohrenbetäubend die Bremsen eines Autos. Fast wäre er überfahren worden!

Stephan ist starr vor Schreck. Seine Mutter packt ihn am Arm und zerrt den Jungen mit einem gewaltigen Ruck auf den Gehweg zurück. Patsch, patsch setzt es auf jede Wange eine schallende Ohrfeige.

Stephan spürt nicht den Schmerz im Gesicht und versteht auch nicht, was seine Mutter ihm in die Ohren schreit. Er sieht nur die schwarzen Lederhandschuhe an Mamas Händen und fühlt mit lähmendem Schreck, dass er fast tot gewesen wäre.

Mamas schwarze Handschuhe, ihr Schreien, die heimtückische Masse des Autos, das Quietschen der Bremsen: all das wird zu einem Strudel von Todesangst, der Stephan den Atem nimmt.

Er kommt zu sich als er sieht, wie das Auto ein paar Meter vor ihnen in eine Parklücke fährt. Jetzt hat Stephan Angst vor dem Autofahrer und will schnell mit Mama in den Schlachterladen. Er will nicht noch einmal geschlagen werden, noch dazu von einem fremden Mann.

Aber Mama Bendrath zieht ihren Stephan unerbittlich zu dem Herrn, der gerade sein Auto abschließt.

"Nun sagen sie ihm mal, wie ungezogen er eben war!"

Stephan möchte Siebenmeilenstiefel anziehen und weit weglaufen. Der Mann schaut auf ihn herab und sagt:

"Na ja, er hat sich ja ordentlich erschreckt. So etwas darfst du nie wieder tun!"

Stephan fällt dazu keine Antwort ein. Er schafft es gerade noch, ein bisschen mit dem Kopf zu nicken.

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Detlef Cordes:
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